Sternenkreuzer

W115Ich habe mich eigentlich nie bewußt für Autos interessiert. Dennoch sitzt meine Erinnerung tief, wie ich als Kind mit unserem Mercedes Benz 200D groß geworden bin. Gelb mit schwarzen Möbeln. Das war schon ein prima Wagen, mit Vorglühen und einem Zughebel zum Starten. Heute weiß ich, es war die Baureihe W115. Mein Vater hat alles an ihm selbst repariert, oft lag er nach Feierabend unterm Auto vor unserer Garage und schraubte an dem Benz. Was da immer kaputt war kann ich gar nicht sagen. Vielleicht war es einfach der Rost. Wer weiß.
Einen Führerschein wollte ich auf gar keinen Fall machen. Das haben ja mit 18 alle gemacht und mir war nie danach etwas wie alle zu machen. Außerdem lehnte ich Autofahren aus umweltgründen ab, mit Friedenstaube und Stop-Nazi-Aufkleber auf meinem Samsonite Koffer. Naja, meine Eltern haben mich dann einfach angemeldet und im zweiten Anlauf bekam ich den Lappen.
Mein erster Wagen war ein Golf. Das war mit Mitte 20. Heute spricht man rückblickend von Golf I. Silber, 2 Türen – hatten meine Eltern für mich gekauft. Damit konnte ich zur Ausbildung fahren. Dann kam viele Jahre nichts. Jedenfalls nichts woran ich mich autotechnisch erinnern könnte. W1232008 fiel mir eine Autozeitschrift in die Hände: Auf dem Titelbild war ein Mercedes Kombi mit verchromter Dachreling abgebildet. Chromestoßstangen, Fenstereinfassungen in Chrome, lange Motorhaube und unendlich elegant. Es war passiert. Diesen Wagen MUSSTE ich haben. Es war die Baureihe W123 von Mercedes. Ein Klassiker. Abends auf eBay habe ich dann ungesehen einen 200T per SofortKauf in naher Umgebung erstanden. Keine Ahnung, warum. Da war ein unerklärlicher Drang in mir. Nachdem ich den Wagen am nächsten Tag abgeholt und zugelassen hatte, begann eine Zeit der Fürsorge & Pflege. Für ein Auto. Für DAS Auto. In Zahlen ist es einfach zu erkennen, wie viel Kohle ich in diesen Wagen im Laufe der folgenden 4 Jahre hineingesteckt habe: Viel zu viel! Den Rost überall und seinen kaputten Zustand habe ich einfach ignoriert. Zweimal wurde die Zylinderkopfdichtung repariert, die Bremsanlage habe ich komplett austauschen lassen, die Niveauregulierung wurde durch normale Federn gewechselt, neue Heckklappe, neue Frontscheibe. Wahnsinn. Ohne realistischen Blick auf das Ganze. Der Wagen, Baujahr 1982, war beim Kauf in seiner Substanz bereits so dermaßen durch – der Verfall war nicht mehr aufzuhalten. Längst hatte ich meinen sonst so klaren Blick für ein gesundes Verhältnis zwischen tatsächlichem und gefühltem Zustand des Mercedes verloren. Möglicherweise hat sich diese Faszination für ein Fahrzeug in all den Jahren voll Desinteresse an Automobilien aufgestaut. Aber schön war der Wagen. Unglaublich schön. Und die Ausfahrten mit dem Schiff waren eine reine Freude. Also, wenn er lief – natürlich. W124Parallel habe ich für die Familie den Nachfolger in der Baureihe angeschafft. Einen W124 230TE – mit zweiter Sitzbank im Kofferraum, entgegen der Fahrtrichtung! Ebenfalls in einem fragwürdigen Zustand. Aber irgendwie auch cool, zwei dunkelblaue Mercedes Kombis auf dem Hof zu haben! Die Sitze in dem 124er waren natürlich viel besser als die Sofamöbel im 123er. Das Raumangebot und die souveräne Fahrweise überzeugten. Erstmals besaß ich ein sogenanntes „Winterauto“. Der 123er stand natürlich nun schön in der extra dafür angemieteten Garage. Zum Frühlingserwachen stieß er leider wieder blauen Qualm aus und als sich ein erneuter Wechsel der ZKD anbahnte, erkannte ich endlich: Der Wagen ist kaputt. Und viel schlimmer: Der Wagen war von Anfang an Kaputt. Dem Reparaturstau und der Verbastelung war nicht mehr hinterherzukommen. W126Ein adäquater Ersatz mußte her. Das war klar. Und ein Mercedes mußte es auch wieder sein. Sowieso. Konsequenterweise viel meine Wahl chronologisch aus: Baureihe W126, 6 Zylinder, Limousine: Eine S-Klasse. Ein Traum von einem Wagen. Lang, länger, S-Klasse. Breit und komfortabel! Automatik, Wohnzimmeratmosphäre, Chefsessel, Breitreifen mit satter Straßenlage. Dazu ein Radiosound wie im Hifi-Studio. SO reist es sich standesgemäß! Die Kinder haben diesen Wagen geliebt. Der W124 wich derweil aus seinem Autoleben und ich setzte alles auf die S-Klasse. Insgeheim träumte ich schon von der Langversion dieses Wagens. Mehr Beinfreiheit im Fond. Da wo ich nie sitze. Aber geil ist es trotzdem!
Leider wollte der Wagen parallel zu meiner neuen Berufung als Musikalienhändler unterhalten werden. Ein Hobby als Job und dazu eine Luxuskarosse ließ sich bei einem Benzinverbrauch von 15 Litern aufwärts nicht darstellen. Schade. Aber – man kann nicht alles haben. W210Außerdem hatten wir da ja auch noch unseren Zweitwagen. Einen Mazda 323. Ein Kackauto von Vorne bis Hinten. DER sollte aus aktuellem Anlaß bestimmt keinen Cent mehr für einen frischen TÜV bekommen. Also war ich Vorgestern beim vertrauensunwürdigen Fähnchenhändler um die Ecke und habe kurzerhand unseren schrottigen Mazda plus Bargeld gegen eine Mercedes 230T E-Klasse eingetauscht. „TÜV macht meine Kollege neu, keine Problem.“, sprach der Verkäufer beim Handschlag. Sei´s drum. Die Baureihe W210 ist der ungeliebte Benz. Viele Käufer wurden durch das Design und den schnellen Rost verprellt. Gut für mich, denn die Preise für diese Wagen sind tief im Keller. Zugegeben: Schön sieht dieser Kombi wirklich nicht aus. Wenn ich den mit meinem klassischen W123 vergleiche bleibt da außer dem Stern nicht viel gemeinsam. Bis auf den Innenraum. Auch wieder Wohnzimmerathmosphäre und ein luxuriöses Raumangebot. Die Automatikschaltung im W210 läuft ebenfalls sahnemäßig. Auch nach 16 Jahren noch. So läßt es sich wieder standesgemäß cruisen! Mein Schrauber hat sich auch gefreut und in der MB-Chronologie warten noch viele schöne Baureihen auf mich.
So bin ich mittlerweile zum Autonerd geworden. Und seit der vergangenen Saison schaue ich auch jeden Samstag Sportschau.
Das Leben kann doch so einfach sein!

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