Entschuldigung, ich möchte eine Gitarre kaufen.

Gute 6 Wochen verbringe ich nun als Musikalienhändler einen großen Teil des Tages, der sich durch die Erlebnisse und die gewonnene Lebenserfahrung weit über den reinen Arbeitstag hinaus dehnt.
Meine bisherige Arbeit ist fast schon in Vergessenheit geraten, so selbstverständlich und natürlich fühlt sich der neue Zeitvertreib an. Habe ich vor 2 Monaten noch stundenlang vor 3 Monitoren gesessen und in Grundrissen auf dünne Linien vor schwarzem Grund gestarrt, bin ich nun permanent in Bewegung – physisch und psychisch.
Ich lerne Menschen und Situationen kennen, die mich bereichern, amüsieren, erheitern, aufregen, erregen und nachdenken lassen. Kurzum: Die Emotionen wecken.
Da ist der ältere Herr mit schütteren Händen, der eine alte Framus-Gitarre zu Hause hat und mir diese zum Ankauf anbietet: „Früher wollte ich sie immer spielen, aber ich hatte keine Zeit. Soviel Arbeit. Na, und nun bin ich zu alt. Meine Hände wollen nicht mehr. Irgendwann ist es zu spät etwas anzufangen.“
Leider handeln wir nicht mit gebrauchten Instrumenten. Aber ich biete ihm an, seine Gitarre hier im Laden für ihn zu fotografieren und einen Aushang zu machen. Seine Augen leuchten und lächelnd bedankt er sich.
Oder ein Ehepaar der ähnlichen Generation: „Entschuldigen Sie, wir haben da eine Frage. Können Sie uns bitte weiterhelfen?“, die Dame legt mir dabei eine Art Zither auf den Tresen. „Unsere Enkelin spielt so gerne darauf und nun ist eine Saite gerissen.“ Ich habe ehrlich gesagt keinen Schimmer, welche Saiten auf eine Zither gehören und wie die gestimmt werden sollte. Aber ich möchten den beiden gerne helfen und gebe ihnen eine dicke Stahlsaite aus einem angebrochenen Satz mit. Einfach so. Die beiden sind sehr erfreut, bedanken sich mehrfach für die nette Hilfe und Winken noch lächelnd von Außen durch das Schaufenster.

Einmal betritt ein Mann den gut gefüllten Laden, wedelt mit einem Bündel Geldscheinen in seiner rechten Hand und ruft: „200 Euro habe ich dabei, jetzt!“ Der Mann war vor ein paar Wochen im Laden und interessierte sich für einen Digitalrekorder. „So einen wünsche ich mir zu Weihnachten. Kann man damit auch Aufnehmen?“, fragte er. Ich erklärte ihm die Funktion des Rekorders, wie und wieviel man damit Aufnehmen kann. „So einen habe ich mir schon immer gewünscht. Dann kann ich nämlich alles aufnehmen!“ Für seine Wohngruppenleiterin kopierte ich ihm das Datenblatt. Strahlend ging er Richtung Ausgang, drehte sich aber dann noch einmal um und fragte: „Und wenn ich damit etwas aufgenommen habe – kann ich mir das dann auch wieder anhören?“.
„Ja!“, sagte ich „so oft Sie wollen.“ Der Mann hüpfte fast vor Freude.
Nun hat er also das Geld dabei und will sich den Rekorder kaufen. Wir klären ausführlich die Möglichkeiten der Aufnahmefunktion und (!) Wiedergabefunktion. Dann zieht er fröhlich von dannen.
In die Kategorie seltsam aber originell fallen Kunden mit den Worten: „Ich glaube ich brauche Saiten, irgendwie.“ Oder sehr gut ist auch: „Entschuldigung, ich möchte eine Gitarre kaufen.“ Fantastisch auch der Kunden der ein schwarzes Schlagzeug kauft, es mit dem Fahrrad nach Hause transportieren möchte um es dort mit roter Folie zu bekleben. Sein anderes Schlagzeug sei auch rot. Deshalb.
Es gibt Eltern die wollen das ihre Kinder Gitarre spielen wollen. Es gibt Kinder die Schlagzeug spielen wollen, was ihre Eltern auf gar keinen Fall wollen. Da sind Kunden die ein halbstündiges Beratungsgespräch über Sticks in Anspruch nehmen. Sticks im Wert von 2,50 €. Und Kunden die spontan eine rote Gitarre für 400,- € kaufen („die ist aber auch schön“) ohne sie vorher zu Hören oder auch nur in die Hand zu nehmen.

Es sind all diese Begegnungen die den Tag enorm abwechslungsreich und spannend machen. Und dazu macht es auch noch Spaß! Verblüffend wie Arbeit auch sein kann.

 

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.