Nachtleben ist Kultur

Foto : Moras

Zur kulturellen Vielfalt einer Stadt gehört das Nachtleben genauso dazu wie Theater, Konzerte, Kino, Lesungen, Marktplatz- oder Straßenfeste. Um eine Stadt für viele Einwohner*innen attraktiv zu machen, gehört auch eine lebhafte Nachtkultur zum guten Ton. Wie in vielen anderen Städten auch, müssen wir Kulturveranstalter*innen uns in Hildesheim oft Gehör verschaffen, um diesen guten Ton kultivieren zu können.

Ein lebhaftes Nachtleben für eine lebhafte Stadt

Manche, die früher ein sehr lebhaftes Nachtleben hatten und nun den Großteil ihres Alltags im Berufs- und Familienleben verbringen, empfinden nächtliche Tanzveranstaltungen in ihrer Nachbarschaft mittlerweile als eher störend. Hier müssen wir in den Dialog treten und gemeinsame Lösungen erarbeiten. Stirbt das Nachtleben, stirbt perspektivisch auch die Stadt. Gerade junge Leute nutzen Hildesheim dann noch mehr als ohnehin schon als Zwischenstopp für ihr Studium, ihre Ausbildung. Eine Identifikation mit Hildesheim als lebenswertem, potentiellem Zuhause gibt es dann immer weniger. Die Attraktivität nimmt weiter ab, es bleibt die Flucht in größere Städte. Die Kaufkraft schwindet, der Leerstand der Innenstadt nimmt weiter zu.

Engagement und Hürden für Veranstalter*innen

Als Kulturfabrik tragen wir mit jährlich über 850 Veranstaltungen in den verschiedensten Sparten zu einer unvergleichbaren Vielfalt im Kulturangebot dieser Stadt bei. Anteilig an dieser Gesamtsumme veranstalten wir pro Jahr ca. 200 Partys. Das Nachtleben beginnt bei uns ab 23:00 Uhr und dauert meist bis in die frühen Morgenstunden an. In guten Nächten finden über 900 Menschen bei uns einen Ort, um ihre Nacht zum Tag zu machen. Das bleibt selten ohne Spuren. Manche Spuren sind an und in unserer Fabrik sichtbar, manche Spuren sind fühlbar und treten zeitversetzt auf.

Gerade wenn es um Lärmemissionen geht, liegen bei vielen Leidtragenden verständlicherweise die Nerven blank und die Geduldsfäden sind sehr dünn. Das verstehen wir gut. Mit baulichen Maßnahmen können wir den Lärm einschränken. Mit Verhaltensmaßnahmen während der Veranstaltungen können wir auf die Lärmentwicklung einwirken. Den Faktor Mensch können wir nur bedingt kontrollieren. Denn wo gefeiert wird, treffen viele verschiedene Menschen aufeinander und verhalten sich nicht immer so, wie wir uns einen respekt- und rücksichtsvollen Umgang miteinander wünschen. Klar: Diese „menschlichen Lärmemissionen“ machen das Nachtleben für viele Bürgerinnen und Bürger zu einem roten Tuch. Denn sie fühlen sich in ihrer Nachtruhe gestört.

Der Nachtbürgermeister

In Hildesheim, wie in anderen Städten auch, betrifft das viele Kneipen- und Clubbetreiber*innen. Es ist ein ständiger, kommunikativer Kraftakt zwischen Anwohner*innen, Betreiber*innen, Polizei und Stadtverwaltung. Ansätze, um mit dieser Problematik in den Dialog zu gehen, finden wir in anderen Städten. In Mannheim gibt es seit geraumer Zeit den ersten Nachtbürgermeister, der als Kommunikationsvermittler zwischen Club, Anlieger*innen, Polizei und Verwaltung agiert. Zu drei Viertel finanziert sich seine Vollzeitstelle aus städtischen Mitteln, zu einem Viertel aus Spendengeldern.

Der Kulturraumschutz

In Berlin, Hamburg und weiteren Städten wird regelmäßig über einen Kulturraumschutz diskutiert. Was kann dieser Schutz leisten? Im ersten Schritt werden Kulturräume benannt und als wichtige Indikatoren für die kulturelle Vielfalt der Stadt definiert. Im zweiten Schritt werden Lösungen erarbeitet, wie eine gemeinsame Koexistenz zwischen Nachtbetrieb und Anliegern funktionieren kann. Doch eine Verlagerung der Sperrstunde in den Schutzgebieten ist eine Maßnahme, für die erst noch um Verständnis geworben werden muss. Hierbei sind schalldämmende Baumaßnahmen und fachliche Beratungen zur technischen Infrastruktur der Clubs denkbar. Beispielsweise gibt es in Hamburg einen Fonds, der aus öffentlichen Mitteln bereitgestellt wird, um diese Maßnahmen zu finanzieren. Für einen kleinen Club sind umfangreiche Baumaßnahmen aus Eigenkapital nicht machbar. Zudem erschweren hohe Mieten und dazu unkalkulierbare Kosten für GEMA, Gewerbe- und Vergnügungssteuer, Brandschutzmaßnahmen und andere Auflagen den Start-ups in der Stadt Fuß zu fassen.

Hier kommen wir zur Ausgangsfrage: Wie wichtig ist Hildesheim der Kulturbezug?

Und vor allem: Welche Kultur wird hier mit einbezogen? Daher haben die Kulturfabrik und die Studio-Bar als ersten Schritt Hildesheimer Club- und Barbetreiber*innen sowie das Kulturhauptstadtbüro Hi2025 zusammen mit der Jungen Union an einen Runden Tisch „Nachtleben“ eingeladen. Diesen Runden Tisch würden wir gerne mit weiteren Mitstreiter*innen und Entscheider*innen aus Politik und Verwaltung erweitern. Denn nur wenn wir alle miteinander ins Gespräch kommen, können wir gemeinsam Strategien entwickeln, die Hildesheim zu einem kulturell vielfältigen Raum machen – inklusive Nachtleben.

Mehr zum Thema:
Kehrwieder am Sonntag berichtete am 15./16. Juni 2019: „Nachtleben ist auch Kultur“
Die Hildesheimer Allgemeine Zeitung berichtete am 12. Juni 2019: „Nach Partykritik: Nachtbürgermeister für Hildesheim?“